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    Der Distelfink | Alles Licht was wir nicht sehen | Wir sehen uns da oben | Konzert ohne Dichter    
                                                                               
                                                                               
                                                                               
 

 

Unser Lesetipp

Donna Tartt: »Der Distelfink.Roman« (a. d. amerikanischen
Englisch von Rainer Schmidt und Kristian Lutze),


München: Goldmann Verlag 2014, 1024 S.,
€ 24,99.

 

 

 

 

»Es ist komplizierter«
Donna Tartt ist eine Autorin der Extreme.


Diesen Schluss lässt allein schon ihre Arbeitsweise zu. Wer sonst wagt es, zwischen zwei Publikationen zehn Jahre und mehr vergehen zu lassen? Ihr Debüt, der Psychothriller »Die geheime Geschichte « von 1992, wurde zu einem Riesenerfolg, doch erst 2002 folgte mit »Der kleine Freund« das zweite Buch, und jetzt, zwölf Jahre später, liegt als dritter Roman »Der Distelfink« vor und wurde gerade — völlig zu Recht — mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Die langen Abstände zwischen den Veröffentlichungen sind keineswegs Schreibblockaden geschuldet. Tartt bezeichnet sich selbst als manische Autorin, die täglich und in jeder Lebenslage schreibt. Als Bremse wirkt vielmehr ihr hoher Anspruch. »Perfektion verträgt sich nicht mit Schnelligkeit«, lautet dementsprechend ihr Motto. Tartt schreibt nicht nur langsam, sie schreibt auch viel — ein zweites Extrem. Wer wagt es in Zeiten der Häppchenlektüre sonst noch, seinen Lesern tausend Seiten zuzumuten? Das Erstaunlichste aber ist: Nie stellt sich bei der Lektüre das Gefühl ein, nun sei es genug oder gar zu viel — im Gegenteil, man möchte immer weiterlesen. »Der Distelfink « fesselt von der ersten Seite an, entfaltet einen starken Sog, der — mit wechselndem Tempo — bis zum Ende anhält und keine Langweile aufkommen lässt. Doch die raffiniert aufgebaute, viele Überraschungen bietende Dramaturgie allein kann die Faszination nicht erklären, die von diesem Roman ausgeht. Auch nicht die vergleichsweise unspektakuläre Haupthandlung. Es geht um das Erwachsenwerden eines Jugendlichen unter widrigen Bedingungen. Erzählt wird ausschließlich von diesem Theo Decker selbst, weitgehend chronologisch, ohne Perspektivwechsel oder parallele Handlungsstränge. Theo wächst nach der Trennung der Eltern in geordneten bürgerlichen Verhältnissen bei seiner Mutter in New York auf, die in einer Werbeagentur arbeitet und ein Faible für Kunst und Kunstgeschichte hat. Er ist dreziehn Jahre alt, als sein Leben komplett aus den Fugen gerät. Während eines gemeinsamen Ausstellungsbesuchs im Metropolitan Museum of Art detoniert dort eine Bombe. Die Mutter wird getötet, Theo kann sich retten. Die nächsten rund fünfzehn Jahre folgen wir seiner Odyssee durch die US-amerikanische Gesellschaft. Da zunächst von seinen Verwandten niemand greifbar ist, kommt der schwer traumatisierte Junge vorübergehend bei der gut situierten Familie eines Schulfreundes unter. Gerade als er beginnt, sich dort ein wenig heimisch zu fühlen, erscheinen sein Vater, ein tablettensüchtiger Spieler, und dessen schrille Freundin Xandra, um Theo mit nach Las Vegas zu nehmen. Es folgt eine Phase zwischen absoluter Freiheit, permanenter Vernachlässigung, unterschwelliger Aggression und offener Gewalt. Theo lernt Boris kennen, den ebenso zynischen wie coolen Sohn eines trunksüchtigen Russen. Boris wird zu Theos bestem Freund. Gemeinsam betäuben sie ihre Einsamkeit mit Drogen, Pillen, Alkohol und kleinen Gaunereien.

Nach dem Tod des Vaters flieht Theo zurück nach New York und findet Aufnahme bei einem Kunstrestaurator, den er von früher kennt. Phasen scheinbarer Normalität münden immer wieder in neue Katastrophen. Theo steigt in den Kunsthandel ein, lügt, betrügt, wird in mafiöse Machenschaften verwickelt. Wenig Glück hat er in der Liebe. Das Mädchen, das er liebt, empfindet nur Freundschaft für ihn. Und so verlobt er sich mit einem Society- Girl, in der trügerischen Hoffnung, auf diese Weise Ordnung in seine haltlose Existenz zu bringen. Die Sogwirkung des Romans resultiert ganz wesentlich aus dem engen Verhältnis des Lesers zu den Figuren. Man ist jederzeit ungeheuer nah bei Theo und seinem Erleben. Die Szene, in der er nach der Explosion durch das zerstörte Museum irrt und einem Sterbenden hilft, ohne wirklich zu wissen, was eigentlich geschieht, ist meisterhaft und mit atemberaubender Präzision erzählt. Und doch — auch das gehört zu den Geheimnissen des Romans — obwohl die Erfahrungen mit Verlust, Trauer und Gewalt, die den Alltag des Protagonisten über weite Phasen bestimmen, mit ergreifender Intensität geschildert werden, wird aus dem Mitleiden nie ein rührseliges Versinken im Schmerz. Der Ton des Icherzählers bleibt nüchtern, er verweigert sich jeder sentimentalen Attitüde. Ebenso vertraut wie mit dem Protagonisten ist der Leser bald auch mit all den Bezugspersonen, die dessen Weg kreuzen, oft mehrfach und unter wechselnden Vorzeichen. All diese Figuren zeichnet Tartt ebenfalls mit großer Sorgfalt, viel Empathie und Sinn für Humor. Jede verfügt über einen unverwechselbaren Charakter und ist eigensinnig im besten Wortsinn. Ganz fest prägt sich vor allem Boris ein, der »nach Burnout aussehende Junge«, der mit seiner beinahe dämonisch wirkenden Anziehungskraft nicht nur Theo, sondern auch den Leser fasziniert. Mit diesem bewusst ausgewählten, vielschichtigen Personal dehnt sich der Horizont des Romans weit über die Geschichte einer individuellen Entwicklung hinaus, wird zum facettenreichen Krimi und opulenten Gesellschaftsroman. Theos Lebensstationen spiegeln typische Milieus in New York und Kalifornien: die Upperclass der Park Avenue, die Künstlerszene in Greenwich Village, das Zockermilieu in Las Vegas. Wenn die Zusammenstellung vielleicht auch etwas bemüht erscheint, es gelingt Tartt glänzend, die unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensentwürfe authentisch und nachvollziehbar darzustellen. Die Schilderungen überzeugen durch eine sehr genaue, detailreiche und unbestechliche, trotzdem aber immer die Spannung aufrechterhaltende Erzählweise. Das geheime Zentrum und der rote Faden, an dem entlang die Handlung läuft, ist jedoch der »Der Distelfink«, das nur etwa DIN-A-4-Blatt große Ölgemälde von Carel Fabritius aus dem 17. Jahrhundert. In vielen Rezensionen des Buches liest man, Theo habe das Bild im Museum gestohlen. Richtiger ist: Es wird ihm aufgedrängt von einem Kunsthändler, auf den er trifft, als er nach der Explosion durch die zerstörten Sälewankt und einen Ausgang sucht. Der Sterbende fürchtet offenbar, jemand von den Rettungskräften könne es an sich nehmen oder es würde unter den Trümmern verloren gehen. In seiner Erstarrung und Trauer versäumt Theo es, das Bild gleich zurückzugeben, und später wird es immer schwerer, sich davon zu befreien.

Mit dem »Distelfink « verbindet ihn die Erinnerung an seine Mutter, die das Bild liebte. Es scheint lange Zeit einer der wenigen Haltepunkte in Theos Leben zu sein, bis sich auch das als Täuschung erweist. Alles ist komplizierter als es zunächst scheint, oder — mit einem Zitat aus dem Buch ausgedrückt — »Alles ist ein Wegweiser, der auf etwas anderes deutet«. Während der Lektüre bemerkt man irgendwann, dass hinter Krimi, Entwicklungs- und Gesellschaftsgeschichte viel allgemeinere, größere Fragen lauern. Das beginnt schon mit der Hauptfigur. Ist dieser Theo Decker einfach nur ein orientierungslos durchs Leben schlingernder junger Mann? Kann man in ihm nicht auch einen modernen Jedermann sehen? Einen rastlos Suchenden? Vielleicht sogar eine Erlösergestalt? Schließlich verweist in der christlichen Ikonografie der Distelfink auf die Passion und den Opfertod Jesu. Lebendig, aber angekettet — so hat Fabritius ihn gemalt. »Ein Gefangener, der einen anderen anschaut.« Der andere, das ist immer der Betrachter des Gemäldes. Steht der Vogel als Symbol für Theo? Für den Menschen ganz allgemein? Donna Tartt versteckt viele Fragen in diesem unglaublich komplexen Text, aber glücklicherweise keine eindeutigen Antworten.

Aus der Fülle der Bezugslinien sei nur noch eine hervorgehoben, weil sie direkt erwähnt wird und zudem ein Thema berührt, das im Zentrum des Romans steht: Die Fragwürdigkeit moralischer Wertesysteme. Dostojewskis »Der Idiot« ist ein Lieblingsbuch von Boris. Wer nach Parallelen im Text sucht, wird schnell fündig. Das gilt bis hin zu Handlungsmotiven und zur Figurenzeichnung. Es ist sicher kein Zufall, dass Boris als bleich, dünn und düster beschrieben wird. Fürst Myschkin sei immer gut und sanftmütig gewesen und habe doch lauter Unheil angerichtet, sagt Boris zu Theo. Ob das nicht auch umgekehrt gelte? »Das Gute kommt nicht immer aus guten Taten, und das Böse nicht immer aus bösen, oder?« Obwohl wir Theos Weg in die Katastrophe unmittelbar miterleben, können wir am Ende trotzdemnicht sagen, an welchem Punkt er hätte abbiegen oder umkehren sollen. Was hätte passieren müssen, damit er in ein »normales « bürgerliches Leben zurückfindet? Und weiter gefragt: Wäre das überhaupt seine Rettung gewesen? Hätte es ihn glücklich gemacht? Man fühlt sich an die Zwangsläufigkeit erinnert, mit der antike Dramen auf den Abgrund zusteuern. Immer wieder drängen sich Was-wäre-wenn-Fragen auf. Wie wäre Theos Leben verlaufen, wenn es an dem Unglückstag nicht geregnet hätte? Wenn er das Bild nicht mitgenommen hätte? Wenn er Boris nicht getroffen hätte? Oder ist es müßig, solche Fragen überhaupt zu stellen, weil man die Folgen seines Handelns ohnehin nicht absehen kann? Theo entlarvt für sich den Sinn des Lebens als Illusion. Es gibt nichts, was Halt bietet. Es gibt nicht das Gute, dem man einfach nur folgen muss, um Gutes zu bewirken. Nichts hat Bestand. Auch die viel beschworenen Mythen moderner Glücksucher wie »Sei du selbst« oder »Folge deinem Herzen« werden von ihm einer gründlichen Revision unterzogen. Was, wenn das Herz uns nicht zum Guten, Schönen, Wahren, sondern zum Rausch, zur Selbstzerstörung und in den Untergang führt? »Leben ist Katastrophe «, so lautet die Wahrheit, die Theo am Ende für sich erkennt. Keine Erlösung, keine Berufung, kein Neustart — nur eine grenzenlose, allumfassende Einsamkeit.

»Der Distelfink« ist ein Roman, der deutlich macht, wie sinnlos eine Unterscheidung zwischen E und U, sogenannter »Hoch-« und Unterhaltungsliteratur, ist, und dass Anspruch, Intellekt, Spannung und Vergnügen sich keineswegs ausschließen müssen. Einmal spricht Theo mit dem Restaurator Hobie über Kunst: »Ein wirklich großes Bild«, sagt Hobie, »ist so flüssig, dass es aus den verschiedensten Winkeln in Köpfe und Herzen eindringen kann, und jedes Mal auf einzigartige und sehr spezielle Art und Weise«. Ob Tartt das auch auf ihren Roman bezogen wissen wollte? Auf jeden Fall ist es genau die Wirkung, die er erzeugt. Ein großer, ein großartiger Roman.

Unbedingt lesen!


Isa Schikorsky

 

 

 

 

   
 

 

   
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
 
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