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    Der Distelfink | Alles Licht was wir nicht sehen | Wir sehen uns da oben | Konzert ohne Dichter    
                                                                               
                                                                               
                                                                               
 

 

Unser Lesetipp: Herbst 2014

Doerr, Anthony
Alles Licht, das wir nicht sehen
Roman

2014. 519 Seite.: Gebunden
Auch als E-Book lieferbar.
Von Anthony Doerr. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

C.H.BECK

 

 

Unser Lesetipp: Sommer 2014

Donna Tartt: »Der Distelfink.Roman« (a. d. amerikanischen
Englisch von Rainer Schmidt und Kristian Lutze),


München: Goldmann Verlag 2014, 1024 S.,
€ 24,99.

 

 

 


»Alles Licht, das wir nicht sehen«
Doerr, Anthony

Der Hinweis im Klappentext, dass der Roman im Zweiten Weltkrieg spielt, schreckt möglicherweise ab. Ist das Thema nicht längst mehr als gründlich behandelt worden? Und was sollte ein vergleichsweise junger, 28 Jahre nach Kriegsende geborener, amerikanischer Autor dem noch hinzuzufügen haben? Wer sich trotzdem an die Lektüre wagt, wird sehr schnell gefangen genommen von einem in knappen Kapiteln rasant erzählten Roman, der durch außergewöhnlich zielstrebige Hauptfiguren, besondere Perspektiven und raffiniert verflochtene Handlungsstränge den überstrapazierten Stoff aufregend neu erscheinen lässt.
Obwohl Doerr die historischen Geschehnisse akribisch recherchiert hat und beklemmend konkret nachzeichnet, steht nicht der Krieg im Zentrum des Romans, sondern dessen Auswirkungen auf jeden einzelnen Menschen. Der Krieg formt und verformt Biografien, verstümmelt sie, führt sie in ungeplante Richtungen oder stürzt sie in den Abgrund. Er lässt zudem Eigenschaften wie Feigheit, Mut, Zivilcourage, Skrupellosigkeit oder Denunziantentum weit schärfer hervortreten als in Friedenszeiten. In kurzen, gedrängten Eingangssequenzen werden eine junge Frau und ein junger Mann in bedrohlicher Lage gezeigt, am selben Ort, nur wenige Straßen voneinander entfernt. Die Spannung, die hier erzeugt wird, macht atemlos, saugt den Leser in den Roman und hält seine Neugier bis fast zum Schluss aufrecht. Auf dieser Zeitebene wird die Einnahme von Saint-Malo durch US-Truppen in den Tagen zwischen dem 7. und 12. August 1944 am Beispiel von drei Menschen geschildert. In einem minutiös beschriebenen und deshalb quälend langsam sich entwickelnden Showdown kommt es zwischen ihnen zum Kampf auf Leben und Tod. Auf diese Begegnung hin ist der gesamte Roman konzipiert.

Wer die Personen sind und wie ihr Leben bis zu diesem entscheidenden Tag verlief, erfährt der Leser aus dazwischengeschobenen Kapiteln, die bis 1934 zurückblenden und den dramatischen Höhepunkt in der Erzählgegenwart weiter hinauszögern. Im raschen Wechsel werden biografische Schlüsselmomente intensiv beleuchtet. Ein wirklich raffiniert gebauter Spannungsbogen! Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Französin Marie-Laure LeBlanc und der Deutsche Werner Hausner. Es sind Jugendliche, die bei ihrem Zusammentreffen in Saint-Malo gerade sechzehn bzw. achtzehn Jahre alt sind, so dass auch der Deutsche eher als Verführter und Opfer denn als Täter anzusehen ist. Die blinde Marie-Laure wächst nach dem frühen Tod der Mutter bei ihrem Vater in Paris auf, wird geliebt, umsorgt, beschützt, aber auch angeleitet, sich zu einer selbstbewussten und starken jungen Frau zu entwickeln, die ihr Leben mit der Behinderung selbstständig meistern kann. Als die deutschen Truppen Paris erreichen, flüchten beide zu Verwandten nach Saint-Malo, und nach der Inhaftierung des Vaters kümmern sich ein schrulliger Großonkel und dessen energische Haushälterin rührend um das Mädchen.

 

 

 

 

 

 

 

Es sind die Prinzipien des gebildeten Bürgertums, die Beschäftigung mit Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft, aus denen Marie-Laure und ihr Großonkel Energie und schließlich auch den Mut schöpfen, sich im Widerstand zu engagieren. Als Gegenentwurf dazu ist die Biografie von Werner Hausner gestaltet, der mit deutlich schlechteren Aussichten ins Leben startet.

Das Kind einer Bergarbeiterfamilie in Essen hat seine Eltern früh verloren und wächst in einem Waisenhaus auf. Werner ist ungemein wissbegierig und ein manischer Tüftler, schon als Kind fasziniert ihn die Rundfunktechnik. Doch seine Zukunft weist in eine andere Richtung — er soll Bergmann in der Zeche Zollverein werden, soll dort arbeiten, wo sein Vater den Tod fand. Als Werner von der Existenz der Eliteschule Napola erfährt, der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, sieht er darin seine Chance zum Ausbruch aus den engen Verhältnissen. Er setzt alles daran, aufgenommen zu werden. Seine technische Begabung wird erkannt und gefördert. Als Spezialist für das Aufspüren von Feindsendern in den von Deutschland besetzten Gebieten kommt er nach Einsätzen im Osten und in Wien nach Saint-Malo.

Zu diesen beiden Hauptfiguren tritt als dritter mit deutlich reduziertem Erzählanteil der deutsche Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, dessen geheime Mission darin besteht, für die Nazis Kunstschätze zusammenzuraffen. Die Suche nach einem wertvollen Diamanten führt auch ihn in die Bretagne.

Mit großem Geschick verknüpft Doerr Handlungsstränge und Motive, die um das Wesen des Zufalls kreisen sowie um das Hören und Sehen. Erzählerische Meisterschaft beweist er mit der Schilderung der Wahrnehmungswelt der blinden Marie-Laure, die intensives Hören, Tasten und Riechen an die Stelle des Sehsinns setzt. Auch als Leser nimmt man so wahr und ist berauscht von der Fülle der Eindrücke und der Schlussfolgerungen, die sich daraus ziehen lassen.

Auch Werner ist blind, allerdings im übertragenen Sinn. Er sieht das Offensichtliche nicht, will es nicht sehen, und braucht lange, um zu erkennen, wie brutal das System ist, auf das er sich eingelassen hat. Der Zufall sorgt dafür, dass er Einblicke in die bürgerliche Bildungswelt erhält, der Marie-Laure angehört — bezeichnenderweise ebenfalls nur durch das Hören vermittelt: In seinem selbst gebastelten Radio stößt er zum ersten Mal auf klassische Musik und wissenschaftliche Vorträge, beides fasziniert ihn ungemein und trägt mit zu seinem Entschluss bei, die Napola zu besuchen. Zehn Jahre später wird es die Erinnerung an diese geheimnisvollen Sendungen sein, die Werner die Augen öffnet und ihn zum Sehenden werden lässt.


Mit ebenso unbestechlichem wie poetischem Blick für sinnliche Details erzeugt Doerr sehr lebendige, klare und lange nachwirkende Bilder in einer angenehm unpathetischen Sprache. Auf eindrucksvolle Weise kontrastiert er die Genüsse des bürgerlichen Lebens und der französischen Küche mit den Grausamkeiten des Krieges.

Doerr nimmt uns mit auf eine spannende Reise, die aus der Normalität des Alltags durch ein Labyrinth von Grauen, Kampf, Verrat, Verlust, Sterben und Tod zurückführt ins Licht der Gegenwart.

 


Isa Schikorsky


 
   
 

 

   
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
 
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