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    Der Distelfink | Alles Licht was wir nicht sehen | Wir sehen uns da oben | Konzert ohne Dichter    
                                                                               
                                                                               
                                                                               
 

 

Unser Lesetipp: Winter 2014

Pierre Lemaitre: »Wir sehen uns dort oben«,

Roman (a. d. Französischen von Antje Peter),
Verlag, Stuttgart, 2014, 521 Seiten

Klett Cotta

 

Unser Lesetipp: Herbst 2014

Doerr, Anthony
Alles Licht, das wir nicht sehen
Roman

 

Unser Lesetipp: Sommer 2014

Donna Tartt: »Der Distelfink.Roman«

 

 

 

 


»Wir sehen uns dort oben«
Pierre Lemaitre

Pierre Lemaitre erhielt im vergangenen Jahr für seinen Roman »Wir sehen uns dort oben« den bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Zwischen dem Erscheinen in Frankreich2013 und der Herausgabe der deutschen Übersetzung 2014 liegt ein überbordendes Gedenken und eine Flut von Büchern zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs.

Dieser Krieg ist auch der Stoff des Buches des Preisträgers und man ist versucht, es deshalb vorschnell zur Seite zu legen. Was wäre das für ein Fehler, denn dieser historische Roman hat alles, was man von einem solchen erwarten darf. Kenntnisreich und bestens recherchiert dreht Lemaitre das Rad der Zeit zurück und — man merkt, dass der Autor eigentlich aus dem Krimigenre kommt — hat gleichzeitig eine Spannung aufgebaut, dass der Leser gefesselt dem Erzählstrom folgen muss.

 

Roman (a. d. Französischen von Antje Peter)

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eingangs zeigt das Buch eindringlich die Grausamkeit, aber auch die Sinnlosigkeit jenes in den Gräben zum Erliegen gekommenen Krieges. Ein vom Ehrgeiz getriebener Offizier sieht kurz vor Kriegsende seine Felle davon schwimmen. Wenn er sich jetzt nicht noch auszeichnen kann, wird es nichts mit einer Beförderung zum Hauptmann. Also treibt er seine Soldaten in ein letztes Scharmützel, das vollkommen wahnwitzig den Frontverlauf um ein paar Meter verschieben soll.

Für zwei Soldaten dieses Frontabschnittes wird dieser unnötige Blutzoll zum Schicksalsschlag. Eduard gräbt den Verschütteten Albertaus einem Erdloch und rettet ihn kurz vor dem Erstickungstod, wird dabei aber selbst schwer verletzt, da er durch einen Granatsplitter die untere Gesichtspartie verliert. Beide sind durch dieses Ereignis fortan wie der Lahme und der Blinde aneinander gefesselt und versuchen sich im Nachkriegsfrankreich zurechtzufinden.

Dabei ist dieses Land nicht wirklich eine Siegernation und kämpft genauso wie die Menschen auf der anderen Seite des Rheins mit dem Trauma, das der übermächtige Krieg zurückgelassen hat. All die körperlich oder seelisch verkrüppelten Kriegsheimkehrer sind die wahren Verlierer. Man trauert um die toten Soldaten, sie sind die Helden des Gedenkens. Die Überlebenden aber, so sie nicht der Offizierskaste angehören, sind, da sie sich nur schwer wieder eingliedern lassen, bald ein Ärgernis, mit dem ein schlechtes Gewissen einhergeht.

Man sehnt sich nach Alltag und Normalität und dabei passen die Kriegsversehrten nicht ins Bild. Ein Riss geht durch Frankreichs Gesellschaft, denn der Krieg hat die Spaltung der Nation in Arm und Reich nur noch verstärkt; die Kluft zwischen denen, die an dieser Katastrophe verdienten und jenen, die diese nur Not und Elend gebracht hat. Eduard verweigert jegliche gesichtschirurgische Operationund kehrt nicht in sein reiches Elternhaus zurück. Er hat sich von Albert eine neue Identität besorgen lassen. Dieser wiederum wurde von seiner Verlobten verlassen und ist mittellos, ständig damit beschäftigt für seinen Kameraden Morphium zu beschaffen.

Der Abstieg in die Kleinkriminalität ist vorgezeichnet. Aber auch der ehemalige Offizier, den die beiden hassen und mit dem sie doch verbunden sind, zeichnet sich durch kriminelle Energie aus. Mit dem Heldengedenken, dem Leid der Eltern, die ihre Söhne, dem der Frauen, die ihre Männer verloren haben, kann man Geld machen. Die Trauer lässt sich schamlos ausnutzen, denn die große Umbettungsmaßnahme der Gefallenen bewegt die gesamte Nation. Es ist die Stunde der Kriegerdenkmäler. Und wer will dazu nicht sein Scherflein beitragen. Das Geld fließt für diesen hehren Beitrag reichlich, doch wohin und in welche Taschen es fließt, solche Fragen stellt man angesichts der Trauer scheinbar nicht. Ständig wird von Ruhm und Ehre gesprochen, um damit Profitgier und die krummen Geschäfte zuzudecken.


Die Hintergrundgeschichte in Lemaitres Roman ist frei erfunden, doch das Panorama, das er von der Grande Nation zeichnet, wirkt so glaubwürdig und gleichzeitig ernüchternd, dass man als Leser erkennt, dass alle beteiligten Nationen des Ersten Weltkriegs zu den Verlierern zählen.


Thomas Mahr


 
   
 

 

   
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
 
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